Ein Westdorfer Faktotum

Ende des 19. Jahrhunderts lebte ein Faktotum in Westdorf, Hämmel (Wilhelm) Banse, geboren am 10.03.1857.
Er stammte aus der alten Familie Banse in Westdorf. Er war in keine Schule gegangen und konnte weder lesen noch schreiben. Er war an die Natur gebunden, schlief im Sommer im Freien und im Winter im Stroh der Scheune. Er kannte kein Bett, auch seine lieben Verwandten hatten nichts für ihn übrig als eine Scheune, in der er schlafen konnte, wenn er wollte. Wohl hatte er 7 Morgen Ackerland von seinen Eltern geerbt, aber die Nutznießung hatten seine Verwandten.

Er kleidete sich eigenartig in abgetragene Kleidungsstücke, die er von Westdorfern oder von anderen anständigen Menschen erhielt, bei denen er Aborte, Dunggruben, Ställe und Schietplätze reinigte und den Schiet in einer Holzkarre fortfuhr. Im Sommer und im Winter hatte er mehrere Hosen und mehrere Röcke angezogen. Hosenträger hatte er nicht, denn die Hosen befestigte er mit einem Bindfaden kreuzweise über den Schultern. Die Schuhe schnitt er oben ab, und vorn bei den Zehen machte er Luftlöcher rein. Er sah manchmal schlimmer aus als der schlechteste Landstreicher. Er konnte sich auch an jemanden anschleichen und erschreckte die Menschen laut mit Ho! Der Bart in seinem Gesicht war grauenhaft, aber an Festtagen wurde er von irgendwem rasiert.
In der Hand hatte er einen Krückstock. Wer Hämmel ärgerte, der musste sich in acht nehmen, dass er ihn nicht schlug. Er schmiss auch mit der Schaufel nach den Kindern in solchen Fällen, denn diese neckten ihn immer. Geld wickelte er kreuzweise in Papier und er trug manchmal große Papierklumpen bei sich und es dauerte manchmal einige Minuten, bis er die paar Pfennige ans Tageslicht brachte. Jungens, Jungens rief er dann, ich habe Geld für Euch!. Er hatte nichts übrig für Geld, er lebte ohne Geld froher und freier. So wie der himmlische Vater die Vögel unter dem Himmel ernährte, so wurde Hämmel auch ernährt.
Mausen tat er wie ein Rabe. Was glänzte und blitzte, dafür hatte Hämmel Interesse. Auch Eisen sammelte er und schleppte es dann zu irgend jemanden. Bei der nächsten Ochsenfuhre hatte er es wieder gestohlen oder an sich genommen und wieder einem anderen ins Haus geschleppt. In alten Zäunen und Hecken hatte er Verstecke.
Äpfel und anderes Obst waren die Naturprodukte, die ihm gut mundeten.
Am liebsten verzehrte er sie, wenn sie mohl waren.

 

 

Bratfisch und Semmel und eine große Kanne Kaffee verlangte er sich für seine Arbeiten. Wenn er sie verzehrte, lief ihm der Saft an der Backe herunter. Und wenn wir Kinder darüber lachten, mit was für einem Appetit er daran ging, dann wurde er ungemütlich und verlangte von unserer Mutter: Nimm die Jungens weg, die lachen, wenn ich esse!. Er wollte nicht gestört werden.
Dieser Hämmel war ein Original und alle hatten ihren Spaß an ihm. So musste er immer, wenn er sonntags von den Ascherslebenern umringt wurde auf der Eselswiese, auf die Eselspappel klettern und die Bergpredigt halten. Aber was der Inhalt dieser Bergpredigt war, konnte ich (Hanebutt) von den Westdorfern nie erfahren, denn sie schwiegen verschämt auf meine Fragen.

Oben auf dem Kopf der Eselspappel konnte man gut und bequem schlafen. Hämmel kletterte wie ein Affe am dicken Stamm empor, oben waren Zweige und Astwerk. Man glaubte, oben einen großen Schatz zu finden, weil Hämmel nie Geld hatte, aber es war ein Irrtum. Hämmel soll geschrieen haben, als man seine Pappel im Jahre 1904 umgelegt hat. Die Pappel war sehr hoch und von den Straßen schon weit zu sehen.

Im Jahre 1916 ist Hämmel gestorben im Alter von 62 Jahren, 7 Monaten und 6 Tagen. Seine Verwandten haben sich um ihn nicht bemüht und keiner von ihnen hat ihn unter die Erde gebracht. Der Amtmann hatte einen Sarg gekauft und ein Pferd hat ihn auf einer Schleppe zum Friedhof transportiert, wo ihn der Totengräber begraben hat. Über seinem Grabe wächst Gras und die allerwenigsten von Westdorf wissen, wo Hämmel Banse begraben liegt.