Der alte Rosengarten

war der 3. Gasthof (die älteste Gaststätte war der Schwarze Bär, weiterhin gab es noch die Gaststätte Zum Deutschen Kaiser).
Um das Jahr 1850 baute der letzte adlige Bäckermeister Heinrich Gottfried Luddicke neben dem adligen Backhaus, das aus dem 15. Jahrhundert stammt (es ist das 1. Haus links am heutigen Stadtweg), an der warmen Backofenseite den alten Rosengarten für seinen Schwiegersohn Friedrich Fuhrmeister.
Friedrich Fuhrmeister war am 03.03.1826 in Dardesheim geboren und hatte Johanna Luddicke, die am 16.02.1827 in der Westdorfer Kalkhütte geboren war, geheiratet. Aus der Ehe gingen 5 Kinder hervor (3 Söhne und die Töchter Meta und Anna. Einer der Söhne studierte bei List in Berlin Musik und wurde Komponist. Er war kein Gastwirt und kam wenig in seinen Heimatort. Die beiden anderen wurden Hotelbesitzer in Hamburg).
Friedrich Fuhrmeister war Wachtmeister bei den Ascherslebener Grünen Husaren. Die Grünen Husaren verkehrten oft in der Westdorfer Gaststätte Zum Schwarzen Bär im Unterdorf, deshalb war dem Fritz Fuhrmeister der Ort gut bekannt. Die pfeifenkrautbewachsenen Lauben im Garten des Schwarzen Bär werden ihm damals Antrieb gegeben haben, neben der Gastwirtschaft von Eduard Rolle (Schwarzer Bär) noch eine zweite Gastwirtschaft zu errichten. Der lebensgewandte und gesprächige Fuhrmeister vom 10. Husaren-Regiment wird seinem Schwiegervater den Vorschlag gemacht haben.

Und so wurde nicht weit vom Schwarzen Bär in Westdorf die Gaststätte Rosengarten gebaut.

 

Links vom Eingang war der Saal mit 3 Fenstern zur Straße und rechts die Gaststube (auch so groß wie der Saal) und dahinter die Küche mit einer Durchreiche zur Gaststube. Über eine 3-stufige rote Sandsteintreppe (dreiseitig) gelangte man in das Haus.
Auch hier, genau wie im Schwarzen Bär, saßen de Musikanten im Flur auf einem Podest und musizierten. Die Musik erklang von dort oben in die Gaststube. Die Musikanten Banse, Mußmann und Bösel lieferten zum Tanz die Musik nach damaligem Takt und Rhythmus. Und als die Grammophone aufkamen, stand die Westdorfer Jugend vor dem Hause und hörte zu.
Die Offiziere seines Regiments waren bei Fuhrmeister Stammgäste und besuchten mit ihren Damen den Rosengarten oft in ihrer freien Zeit.
Im Kriege 1871/72 hatte Aschersleben gefangene Franzosen in seinen Mauern. Die Offiziere, welche sich großer Freiheit erfreuten, kamen nach Westdorf und gaben sich ihrer angestammten Lieblingsbeschäftigung hin: dem Fangen und Verspeisen von Fröschen und Fischen. Auf der Ellerwiese im Einetal fingen sie im Froschgraben zu Dutzenden die Frösche und angelten in der Eine und im Mühlgraben Forellen, die damals sehr reichlich vorhanden waren. Diese Frösche und Fische bereitete der Wirt vom Rosengarten dann eigenhändig zu und reichte das Nationalgericht der Franzosen den Offizieren. Bei einem Glase funkelndem Muskatellerwein (den Fritz Fuhrmeister selbst hergestellt hatte) verlebten sie hier im schönen Tale manche frohe Stunde.

Auf der anderen Seite der Straße, gegenüber dem adligen Backhause und der alten Rosengarten-Gaststätte, befand sich der eigentliche Rosengarten, eine große gepflegte Gartenanlage mit Rosenlauben und einer Kaffeeküche mit Saalanbau. Der Saal hatte eine Bühne, wo nun auch große Sachen gespielt und vorgetragen werden konnten von den Vereinsmitgliedern. Dieser Rosengarten war im Sommer eine Erholungsstätte, besonders für die Ascherslebener. Unter schattigen Bäumen ließ es sich gut verweilen. Die große astreiche Linde von gewaltigem Umfange war neben den beiden Linden, die sich auf dem Gelände der Gutsgärtnerei befanden, die größte und dickste Linde im Dorf.
Im Garten pflanzte Fritz Fuhrmeister Rosen und Rasen. Die Lauben, eine neben der anderen, waren mit Pfeifenkraut und Rosen umrankt. Der Freund von Fritz Fuhrmeister war der damalige Pastor von Westdorf, Friedrich Christoph Gottlieb Tacke, ein Ascherslebener Sohn (geboren am 18.02.1806 Hinter dem Turm, Ecke Düsteres Tor in Aschersleben, Pastor in Westdorf von 1844 bis zu seinem Tode im Jahre 1873).

Der Pastor Tacke dichtete folgende Verse für die Rosenlauben:

  1. Über diese grünen Wiesen
    schaust Du voll Erwartung hin.
    Brichst die Rosen für Luisen,
    sie versteht der Gabe Sinn.
     

  2. Traulich ists in dieser Laube,
    süß umrahmt von Rosenhauch.
    Gib mir einen Kuss zum Raube,
    denn so ists der Liebe Brauch.
     

  3. Hätt ich die Rosen vergeblich gezogen,
    sollten sie unbedacht verblühn,
    bleiben die Gäste mir hold und gewogen,
    hab ich doch Lohn für mein redlich Bemühn!

Beide Männer verband zu Lebzeiten ein inniges Freundschaftsverhältnis.
Abends brannten im Rosengarten Petroleumlampen, auf Säulen gestellt, und gaben dem Garten mit den Nischen einen romantischen Anblick. Zum Grundstück gehörte nebenan noch ein großer Obstgarten mit Grasnarbe. Fuhrmeister war in seinen freien Stunden im Garten bei seinen Obstbäumen, den Grafensteiner Äpfeln und den Muskateller Birnen, von denen er Muskatellerwein kelterte. Er lieferte Grafensteiner Äpfel, eine Sorte, die hier sehr reichlich wuchs, ins Dorf. Die Äpfel wurden auch, in Seidenpapier eingeschlagen, nach Berlin verkauft (damals kostete der Zentner 20 Mark).

Fuhrmeister war ein Naturmensch, er pfropfte, er okulierte, er setzte Augen in Hölzer ein. Sein Garten hatte blühende Gehölze, die nie jemand vorher im Orte gesehen hatten. Er war ein Original, dem andere etwas abguckten!
Fuhrmeister war ein ausgesprochener Rosenliebhaber, er zog alle Rosen selbst. Er züchtete Rosen von verschiedenen Farben und Formen. Jeder Rose gab er einen Namen. Der Rosengarten war eine Sehenswürdigkeit im Orte.

Im Gaststätten-Grundstück (alter Rosengarten) auf dem höher gelegenen Hof befand sich ein Wasserspeicher, von dem eine Wasserleitung durch das Haus zu dem auf der anderen Straßenseite liegenden Rosengarten führte. An der Eingangspforte des Rosengartens wurde damit sonntags eine Fontäne von ca. 1,50 Meter Höhe betrieben. Im Wasserbecken, umgeben von Farnen und Steinpflanzen, schwammen Goldfische. Das Eingangstor hatte rechts und links einen Mauerpfeiler mit einer Blumenvase obenauf.
Niemand kannte das Geheimnis dieser Wasserkunstanlage, denn die Schuljungen, die am Sonntag Vormittag das Wasserreservoir füllten, haben das Geheimnis nicht verraten! Aber als 1936 der Stadtweg ausgeschachtet wurde im Rahmen einer Straßenbaumaßnahme, da fand man die Röhre, die vom erhöhten Wasserspeicher der Fontäne das Wasser zuführte.

Die Kaffeeküche im Garten des Rosengartens leitete Robert Schmidts Mutter. Der Schwiegervater von Fritz Fuhrmeister, der alte Bäckermeister Luddicke vom adligen Backhaus, lieferte zum Kaffee den Kuchen. Hier konnte man alles haben, von der Pflaumenmus-Semmel oder der Semmel mit Brathering oder Sardinen bis zur Linsensuppe am Mittag. Asyl gab es im Gasthaus auch oben in der Giebelstube oder in der Mansarde.

Aber die Rosenjahre und die Rosenzeit der Familie Fuhrmeister/Luddicke vergingen.

Der Abzug der Husaren und ihrer Vorgesetzten brachten dem Fritz Fuhrmeister ein Loch in seine Kassenverhältnisse. In den 90er Jahren setzten sich die Wirtsleute zur Ruhe. Da keines der Kinder den Gaststättenbetrieb übernahm, verkaufte Fuhrmeister den alten Rosengarten mit dem daneben liegenden adligen Backhaus und den Rosengarten mit Kaffeeküche und Saal.

Fuhrmeisters verbrachten ihren Lebensabend in einer Mietwohnung in der Westdorfer Mühle mit der Tochter Meta, die einen Hüftschaden erlitten hatte. Die Frau Fuhrmeister wurde krank und starb im September 1904, ihr Vater war schon lange tot. Fritz Fuhrmeister überlebte seine Frau um 8 Jahre, er verstarb im März 1912 in Westdorf im 86sten Lebensjahre. Beide Eheleute haben eine gemeinsame Grabstelle auf dem Westdorfer Friedhof neben der des Gutspächters Erich Braune. Sein Freund und Gönner Pastor Tacke ruhte schon lange auf dem Friedhof. Ein Stück Westdorfer Kulturgeschichte wurde mit dem Tode dieser beiden Männer, die sich so gut verstanden, zu Grabe getragen. Seitdem hat der Ort so einen originellen Gastwirt und so einen Pastor mit so menschlichem Empfinden nie wieder in den Straßen gesehen.
Den neben dem Rosengarten liegenden großen Obstgarten hatte Fuhrmeister an Anger-Schmidts verkauft, die ihm viele Arbeiten abgenommen hatten.
Fuhrmeister hatte den Rosengarten im Jahre 1902 an den Konditormeister Ewecke aus Aschersleben verkauft. Er erhielt 44.000 Mark für die Gastwirtschaft (alter Rosengarten) und die Stallungen bei den Worthen sowie dem großen Garten mit der Kaffeeküche und dem Saal. Jedoch schon nach 6 Jahren wechselte der Besitzer. Es waren danach vorübergehend Franz Westphal aus Westdorf (1905, 42.000 Mark) und ein Oberkellner aus Aschersleben, Richard Kull, darin.
Der alte Rosengarten wurde von der Gemeinde Westdorf im Jahre 1922 gekauft und man baute später in dieses Haus 4 Mietwohnungen, denn die Wohnungsnot war damals groß.
Im Jahre 1908 kaufte der Steinmetzmeister Siebert aus Aschersleben für seinen Sohn Willi Siebert, der Koch und Gastronom war, den Komplex (Garten mit Kaffeeküche und Saal) und sie erbauten im Garten, an der Straßenseite, ein stattliches, modernes Gasthaus an den Saal mit einem Turmbau, der Fremdenzimmer beherbergte.

 

Auf dem Turm war eine Wetterfahne mit den Zeichen WS 1908 angebracht. Aber die Frau von Willi Siebert, Else geb. Ebers, war keine Gastwirtsfrau und so gab dieser den (neuen) Rosengarten wieder auf.
Im Jahre 1914 war im Saal Militär untergebracht und auch in Verpflegung. Man fing an zu schieben und zu verschieben. Man handelte mit Kräutern und Gewürzpflanzen, mit Majoran und Thymian, mit Sellerie, Mohrrüben, Kartoffeln und Sämereien, mit Vegetalien aller Art. Mit der Gastwirtschaft ging es bergab. Nach der Revolution blieben Schieber und Schwarzhändler noch längere Zeit im Orte und es dauerte lange, bis der Rosengarten wieder eine Gastwirtschaft wurde.
Eine Frau Huhn und ein Herr Krause (die zu den Westdorfer Schützenfesten immer ein Karussell aufgestellt hatten) kauften den Rosengarten. Aber er kam nicht wieder richtig in Gang. Erst nach 1930 kam wieder Schwung hinein, als der Sohn, Karl Huhn jun. vieles verbesserte. Aber die Rosen blühten auch bei ihm nicht. Die großen Laubbäume, die man im Laufe der Zeit angepflanzt hatte, haben den Rosen das Licht genommen und sie waren schon längst am Laubenspalier eingegangen, die Lauben sahen unordentlich aus. Die Fontäne im Rosengarten vor der Eingangspforte lief nicht mehr.

1970 verkaufte Frau Lydia Huhn geb. Bornscheid den Bau. Als 1972 die LPG Westdorf den Rosengarten übernommen hatte, wurde eine Umgestaltung der Gaststube und des Saales vorgenommen. Viele Jahre lang waren die Wirtsleute des Rosengartens die Eheleute Ulrich und Ursula Küster.

Der "Rosengarten" 1978: